Traumata, Traumatisierungen, komplexe posttraumatische Belastungsstörung etc. – diese Wordings sind aktuell in aller Munde.
Mir ist es wichtig, einen kritischen Blick dahingehend einzunehmen.
Nicht alles Negative und Unangenehme, das uns Menschen im Leben passiert, ist nach aktuellen fachlichen Kriterien im deutschsprachigen Raum ein Trauma (auch wenn in der Populärliteratur gerne die unscharfe amerikanische Definition übernommen wird, in welcher jegliche menschliche Wunde/ Verletzung pathologisiert wird).
Wohin sind die Zeiten, als wir uns dankbar schätzten, gesund zu sein oder anstrebten gesund zu werden?
Der aktuelle Wandel geht vordergründig in die Richtung, dass psychische Diagnosen nicht mehr in erster Linie nur entlastend, sondern in einer Vielzahl an Fällen in erster Linie identitätsstiftend wirken. Die aktuelle Entwicklung jegliche Verletzungen, Kränkungen, Krisen im Leben als Trauma zu bezeichnen, jegliche menschliche Schattenthemen zu pathologisieren, hört meines Erachtens genau dort auf, wo es in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung spannend werden würde.
Nämlich: Wer bin ich, ohne dass ich mich in einer Kategorie einer Diagnose- Zuschreibung wiederfinden möchte? Wer bin ich mit all meinen Schattenaspekten und Sonnenseiten? Genau da darf Selbsterfahrung ansetzen.
Wenn ich eine Diagnose brauche, um meinen Schmerz zu legitimieren, widerspreche ich mir dann nicht, wenn ich meinen Schmerz und die Folgen daraus in diesem Moment sofort als krank beschreibe?
Und ja: Es gibt traumatisierte Menschen. Ich durfte viele in den letzten 12 Jahren begleiten (Trauma durch Krieg, Flucht, Unfälle, Naturkatastrophen, hohes Ausmaß an emotionaler Vernachlässigung, sexualisierte Gewalt,...). Es ist wichtig, dass diese Personen diagnostiziert und therapeutisch adäquat behandelt werden.
Diese Menschen wiesen häufig nicht genügend Ressourcen und protektive Faktoren auf, um nach diesen Ereignissen gesund bleiben zu können. Und dennoch zugleich: manche Menschen blieben nach diesen Ereignissen gesund, eben weil sie diese inneren oder äußeren Schutzfaktoren aufwiesen und dadurch resilienter waren als andere Personen.
Die oftmals vorhandenen protektiven Faktoren bei vielen Menschen werden in der Mainstream- Traumatisierungs- Definition aktuell häufig außer Acht gelassen.
Traumainformierte Selbsterfahrung ersetzt keine Traumatherapie. Menschen mit fachlich diagnostizierbaren Traumafolgestörungen oder deutlichen traumabezogenen Symptomen wird ausdrücklich empfohlen, eine qualifizierte traumatherapeutische Begleitung in Anspruch zu nehmen.